Mobilität selbst gemacht: Schleberoda denkt Mobilität digital, sozial und gemeinschaftlich
Es beginnt nicht mit einer App. Sondern mit einer Frage, die viele ländliche Regionen kennen: Wie kommen wir eigentlich noch weg – und wieder zurück? Im Ortsteil Schleberoda der Stadt Freyburg (Unstrut) – 156 Einwohner:innen, keine regelmäßige ÖPNV-Anbindung – wurde diese Frage nicht an Politik oder Verkehrsunternehmen delegiert. Sie wurde selbst beantwortet: gemeinschaftlich, digital unterstützt und mit erstaunlicher Konsequenz.
Heute stehen in Schleberoda zwei Elektrofahrzeuge, eine Ladesäule – und eine App, die Fahrwünsche bündelt,
Routen plant und Kosten fair verteilt. Organisiert wird das Ganze von einem Verein aus dem Dorf.
Ein Dorf organisiert sich selbst
Die Idee entwickelte sich über mehrere Jahre. Ausgangspunkt war der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, in dessen Rahmen sich die Dorfgemeinschaft intensiv mit der eigenen Zukunft beschäftigte – insbesondere mit der Frage, wie Mobilität im Alter, für Kinder oder für Menschen ohne eigenes Auto funktionieren kann. Aus diesen Überlegungen entstand die Idee für ein konkretes Projekt, mit dem sich Schleberoda sowohl beim Dorfwettbewerb als auch bei einem EU-Programm für innovative Projekte im ländlichen Raum bewarb.
Zwischen 2020 und 2022 wurden diese Fördermittel genutzt, um die zwei Elektrofahrzeuge anzuschaffen, eine Ladeinfrastruktur aufzubauen und die App entwickeln zu lassen.
Es ist ein Projekt, das Mobilität neu denkt: als soziale Infrastruktur, organisiert von den Menschen vor Ort, getragen von Ehrenamt und unterstützt durch digitale Technik. Das Besondere: Die App ist kein klassisches Carsharing-Tool. Sie führt einen Mobilitätskalender, sammelt die Fahrwünsche der Dorfbewohner:innen, berechnet mithilfe von Algorithmen gemeinschaftliche Fahrten, berücksichtigt Umwege bei mehreren Zielen und rechnet die Kosten anteilig ab. Wer andere mitnimmt oder Fahrten übernimmt, wird finanziell entlastet – soziale Hilfe wird explizit belohnt.
Technik nutzen, Gemeinwohl priorisieren
Ziel war dabei nie, ein weiteres kommerzielles Mobilitätsangebot zu schaffen. Im Gegenteil: Das Projekt versteht sich bewusst als Gegenmodell zu plattformbasierten Mobilitätsdiensten. Im Fokus stehen nicht Effizienzmaximierung oder Datenerträge, sondern Gemeinwohl, Nachbarschaft und Teilhabe. Vorrang haben Menschen, die Unterstützung benötigen – etwa ältere Mitbürger:innen oder Jugendliche ohne Führerschein.
Diese Perspektive hat auch überregional Aufmerksamkeit erzeugt. In einem ausführlichen Kommentar würdigt der MDR das Projekt als „digitalpolitisch herausragend“ und beschreibt es als Beispiel dafür, wie Mobilität jenseits großer Konzerne organisiert werden kann – lokal verankert und zivilgesellschaftlich getragen.
Zuhören statt Posten
Bemerkenswert ist auch der Kommunikationsansatz. Während viele Digitalprojekte auf Social Media, Kampagnen oder Landingpages setzen, ging Schleberoda einen anderen Weg. Vertrauen wurde nicht online aufgebaut, sondern im direkten Gespräch: durch Dorfversammlungen, persönliche Gespräche, Überzeugungsarbeit im Vier-Augen-Kontakt. Erst zum Start der Erprobungsphase folgte eine Pressekonferenz – mit Beteiligung von Stadt, Landkreis, Landesregierung und regionalen Netzwerken.
Die Resonanz war groß: Berichte im MDR (Radio, TV, Podcast, Online), im Deutschlandfunk, bei n-tv/RTL sowie in regionalen Zeitungen folgten. Sogar auf einer EU-Konferenz in Irland stieß das Projekt auf Interesse – unter anderem bei Vertreter:innen aus Spanien, Schweden und Finnland.
Was das Projekt im Alltag bewirkt
Die Effekte zeigen sich ganz konkret im Dorfleben. Eine ältere Bewohnerin verkaufte ihr eigenes Auto und nutzt seither ausschließlich das Mobilitätsangebot des Vereins. Zwei Familien schafften ihren Zweitwagen ab. Diskussionen über Elektromobilität, die zuvor kontrovers geführt wurden, verlaufen heute differenzierter – getragen von eigenen Erfahrungen statt abstrakter Argumente.
Zugleich ist das Projekt Teil größerer Planungen geworden: Die anonymisierten Mobilitätsdaten und Dispositionslogiken fließen in Überlegungen des Burgenlandkreises ein, insbesondere mit Blick auf zukünftige autonome Fahrzeugsysteme und die Anbindung an Bus- und Bahnangebote auf der „letzten Meile“. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um eine veränderte Mobilitätshaltung. Fahrten werden gemeinsam geplant, gebündelt und reduziert – als Vorbereitung auf einen öffentlichen, geteilten Verkehr auch im autonomen Betrieb. Das Ziel: nicht jede:r nutzt ein eigenes autonomes Fahrzeug; Mobilität funktioniert stattdessen als gemeinschaftliche Aufgabe.
Hürden bleiben
Ganz ohne Stolpersteine verlief das Projekt nicht. Die Anerkennung der Gemeinnützigkeit wurde bislang verweigert, da das Finanzamt den Verein als Fahrdienst einstuft – mit spürbaren Folgen für die Spendenbereitschaft. Auch Förderlogiken, die stark auf kommunale Grundstrukturen ausgelegt sind, erwiesen sich für ein kleines Bürgerprojekt als Hürde. Und der Versuch, einen großen Automobilkonzern als Partner zu gewinnen, scheiterte früh – ländliche E-Mobilität galt dort als nachrangig.
Ein Modell mit Perspektive
Trotzdem – oder gerade deshalb – zeigt Schleberoda, was möglich ist, wenn Digitalisierung nicht als Selbstzweck verstanden wird. Das Projekt ist skalierbar, übertragbar und bewusst so angelegt, dass es auch anderen Dörfern oder Regionen als Vorlage dienen kann. Die wichtigste Erkenntnis der Beteiligten: nicht nur den nächsten Schritt denken, sondern gleich die danach.
Oder anders gesagt: Wenn der Bus nicht kommt, muss das Dorf eben selbst fahren.
