Leutenbach zeigt, wie Dialektarbeit in Kitas wirkt – und wie ein Bürgermeister Nähe schafft
Wenn Bürgermeister Jürgen Kiesl in den Kindergarten Birkachweg kommt, entsteht sofort ein Halbkreis aus neugierigen Kindern, gespannte Blicke – und die leise Frage, welches schwäbische Wort heute wohl an der Reihe ist. „Was hosch denn heit dabai?“ ruft eines der Kinder manchmal vor. Egal ob Dialektgeschichte, Lied oder Redewendung: Der Moment gehört den Kindern. Und der Mundart.
Mit dem Projekt „Schwäbisch em Kendergarda“ hat Leutenbach ein ungewöhnliches, aber äußerst wirksames Format geschaffen. Es verbindet kulturelle Identität, Sprachförderung und frühe politische Bildung – und wurde dafür mit dem Staatsanzeiger Award in der Kategorie „Bürgermeister:in in Mission“ ausgezeichnet.
„Der direkte Kontakt schafft Vertrauen, Begeisterung und erste Impulse für demokratisches Verständnis,“ heißt es in der Jurybegründung.
Warum Dialektförderung im Kindergarten so gut funktioniert
Dialekt in der Kita – das klingt zunächst nach einem netten Add-on. Tatsächlich ist es aber weit mehr: Es ist ein einfacher und sehr natürlicher Zugang zu Sprachentwicklung, Identität und Zugehörigkeit. Und das in einer Lebensphase, in der Kinder besonders offen für sprachliche Vielfalt sind.
In Leutenbach ist die Mundart kein Lernstoff, sondern ein Alltagsbegleiter: Sie taucht im Morgenkreis auf, in Liedern, beim Kochen oder in kleinen Gesprächsanlässen. Und sie wird vermittelt von jemandem, den Kinder selten so nah erleben – dem Bürgermeister.
Ein Projekt wird zum Qualitätsmerkmal
Die Aktion ist mittlerweile so erfolgreich, dass „Schwäbisch em Kendergarda“ heute als Qualitätsmerkmal der Leutenbacher Kitas gilt. Die Resonanz in den Familien ist groß – so groß, dass sogar die Schulen nachgezogen haben. Die Dialektförderung wurde auf die Schülerbetreuung ausgeweitet, sodass Kinder die Mundart auch im Grundschulalter spielerisch weiterführen können.
Vier Einrichtungen, vier Zugänge: So vielfältig kann Dialektarbeit sein
In der Praxis zeigt sich, wie lebendig die Dialektarbeit funktioniert. Jede Einrichtung hat ihren eigenen Stil – geprägt vom Team, vom Alltag und von den Situationen, in denen Sprache ganz selbstverständlich entsteht.
Die Schwerpunkte der Kitas im Überblick:
- Kindergarten Birkachweg: schwäbische Geschichten, Laternenlieder und Dialekt im Alltag
- Kindergarten Fröbelstraße: Advents- und Weihnachtslieder in Mundart, regionale Bräuche
- Kindergarten Walzenhalde: schwäbische Redewendungen, Gesprächsanlässe, kleine Mundartspiele
- Naturkindergarten Höllachau: Begriffe sammeln, Kasspatzla kochen, „schwäbische Kulturschätze“ erleben
Die Kinder erleben Dialekt dabei nicht als „Unterricht“, sondern als warmen Teil ihrer Umgebung und als verbindendes Element im Alltag. Kommunalpolitik zum Anfassen – ganz ohne große Worte.
Ein zweiter Effekt zeigt sich schnell: politische Bildung. Nicht im formalen Sinne, sondern im Alltag. Wenn der Bürgermeister Fragen beantwortet, schwäbische Wörter erklärt oder einfach mitlacht, wird das Rathaus plötzlich greifbar. Die Kinder erkennen: Es gibt jemanden, der Verantwortung trägt – und der ist freundlich, nahbar und interessiert an uns.
Genau das macht das Projekt so relevant. Politische Bildung beginnt hier nicht in der Schule, sondern im Kindergarten, im direkten Kontakt, in echten Begegnungen.
Bewerben Sie sich jetzt für den Staatsanzeiger Award
Der Staatsanzeiger vergibt die Awards (gestaltet von einer Kunsthandwerkerin) in fünf Kategorien für erfolgreiche und inspirierende Projekte – gerne auch jenseits unserer Landesgrenzen.
Was die Jury überzeugt hat
In ihrer Begründung würdigt die Jury besonders die Kombination aus Einfachheit und Wirkung: „Das Projekt ist unkompliziert, liebevoll und vorbildlich – und zugleich hoch wirksam. Es verbindet Tradition mit Zukunft, Kommunikation mit Bildung.“
Das Projekt zeigt, wie kulturelle Identität früh verankert werden kann – und wie kommunale Nähe Vertrauen schafft. Ein Modell für andere Kommunen? Absolut.
Leutenbach beweist: Für wirksame Bildungsarbeit braucht es nicht immer große Programme. Manchmal genügt:
- ein Bürgermeister,
- ein Dialekt,
- vier motivierte Kita-Teams
- und die Bereitschaft, etwas auszuprobieren, das warmherzig und bodenständig ist.
Das Ergebnis ist ein Projekt, das Familien verbindet, Kinder stärkt und eine Gemeinde kulturell näher zusammenbringt.
Fazit: Dialekt kann Brücke sein – und Nähe kann Politik sein
„Schwäbisch em Kendergarda“ ist mehr als ein Sprachprojekt.
Es ist ein Stück gelebte kommunale Identität, ein Ansatz für frühe Sprachbildung und ein Beispiel dafür, wie nahbar Verwaltung sein kann. Leutenbach zeigt, dass es oft die kleinen, persönlichen Initiativen sind, die in einer Gemeinde am weitesten tragen – von der Kita bis in die Grundschule und hinein in die Familien.
