Was wird aus unserem Park? Wie Pforzheim mit einem Beteiligungsprozess neue Maßstäbe setzt
Es ist einer dieser regnerischen Nachmittage, an denen man lieber zu Hause bleibt. Doch im Tiny House im Alten Friedhof herrscht dichtes Gedränge.
Menschen stehen Schulter an Schulter, diskutieren über Wegeführungen, Schattenplätze und Spielbereiche, während draußen der Wind an den Bauzaunbannern rüttelt. Dass sie trotzdem gekommen sind, sagt viel über diesen Beteiligungsprozess aus. Pforzheim hat etwas geschafft, woran viele Kommunen scheitern: Die Menschen im Quartier fühlen sich wirklich gemeint.
Mit dem Projekt „Was wird aus unserem Park?“ hat die Stadt einen Beteiligungsprozess aufgesetzt, der weit über die üblichen Informationsabende hinausgeht.
Dafür wurde Pforzheim zu Recht mit dem ersten Platz in der Kategorie Bürgerbeteiligung ausgezeichnet. „Beteiligung ist hier nicht Symbol, sondern gelebte Praxis“, so heißt es in der Jurybegründung.
Früh dran statt später retten: Beteiligung vor der Bewilligung
Der Park „Alter Friedhof | Ehemalige Stadtgärtnerei“ soll klimaangepasst umgestaltet werden – und der Förderzeitraum setzt die Stadt unter Zeitdruck. Viele Kommunen würden jetzt sagen: Erst planen, dann informieren. Pforzheim hat den umgekehrten Weg gewählt.
Noch bevor die Förderzusage offiziell da war, wurde die Beteiligung gestartet: bewusst frühzeitig, bewusst offen, bewusst mit der Frage: Was braucht dieses Quartier wirklich?
Für den Start setzte die Stadt auf eine Zufallsbürgerauswahl: Anwohner:innen aus der unmittelbaren Nähe des Parks erhielten Einladungen zum Bürgerrat. So sollte gesichert werden, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Bildungsvoraussetzungen und Lebensrealitäten vertreten sind.
Doch zunächst passierte … fast nichts. Der Rücklauf war sehr gering – ein häufiges Phänomen, vor allem in Quartieren, in denen viele Menschen wenig Berührung mit formellen Beteiligungsangeboten haben. Die Verwaltung reagierte schnell und pragmatisch.
Klingeln an Haustüren: Wenn Aktivierung persönlich wird
Statt weitere Schreiben zu verschicken, machte sich das Team auf den Weg: Man klingelte direkt bei den Menschen zu Hause.
Man erklärte das Projekt, den Anlass, die Bedeutung – persönlich, in Ruhe, ohne Fachsprache.
Diese direkte Ansprache zeigt Wirkung: Elf Anwohner:innen aus der unmittelbaren Umgebung nehmen am Bürgerrat teil – darunter Menschen, die sonst kaum zu Beteiligungsformaten finden. Der Workshop im Familienzentrum Ost bringt über 120 Ideen hervor: mehr Schatten, flachere Wege, Treffpunkte, Aufenthaltsqualitäten.
Moderiert wurde mit der Dynamic-Facilitation-Methode: schnell, ergebnisoffen, wertschätzend.
World Café im Gasometer: Die Oststadt diskutiert weiter
Beim Bürgertreff werden die Ideen öffentlich vorgestellt. Drei Teilnehmende des Bürgerrats präsentieren sie selbst – ein Moment echter Selbstwirksamkeit.
Am Tisch nebenan sitzen Menschen, die beim Haustürbesuch noch unsicher waren. Jetzt diskutieren sie mit.
Genau das macht gute Beteiligung aus: Menschen, die man sonst nicht erreicht, sprechen plötzlich mit.
Digital? Ja. Analog? Auch. Aufsuchend? Unbedingt.
Pforzheim hat nicht auf ein einziges Format gesetzt, sondern auf einen Methodenmix, der sich am Alltag der Menschen orientiert:
- Online-Beteiligung über mitmachen-pforzheim.de
- Eat & Talk im Jugendkeller Ost
- aufsuchende Beteiligung im Park
- QR-Codes an Bauzaunbannern
- Schulkooperationen über die Schulsozialarbeit
- Jugendgemeinderat als Multiplikator
Besonders die Jugendarbeit zeigt Wirkung: Jugendliche formulieren klar, was sie brauchen – sichere Wege, informelle Treffpunkte, Plätze zum Spielen und Chillen.
Das Tiny House: Beteiligung mitten im Leben
Nachdem Bürgerrat, Bürgertreff und Onlineverfahren gelaufen waren, stand die nächste Herausforderung an: Wie bleibt der Prozess sichtbar und erreichbar – mitten im Alltag des Quartiers? Die bisherigen Formate hatten viele Ideen hervorgebracht – jetzt brauchte es einen Ort, an dem der Prozess im Quartier sichtbar bleibt.
Die Antwort: Ein Tiny House, das sechs Wochen lang direkt im Park stand, wurde zu einem offenen Begegnungsort eingerichtet:
- Workshops, Gespräche, Präsentationen
- spontane Rückmeldungen von Passant:innen
- erste Planentwürfe direkt im Stadtteil, nicht im Rathaus
- Austausch auf Augenhöhe, während Menschen vorbeikamen, spazierten oder mit Kindern unterwegs waren
Als ein Unwetter aufzieht, während der erste Entwurf präsentiert wird, bleiben die Menschen im Raum. Vielleicht ist es dieses Bild, das den Prozess am besten beschreibt: Eng zusammenrücken, weil es um etwas Gemeinsames geht.
Eine Initiative entsteht – und bleibt
Aus dem Bürgerrat heraus gründet sich die Initiative „Lebenswerte Oststadt“. Sie begleitet nicht nur die Parkplanung, sondern wird zum dauerhaften Netzwerk im Quartier. Ein Beteiligungsprozess, der sich selbst verstetigt – viel mehr kann eine Kommune kaum erreichen.
Was Kommunen aus Pforzheim lernen können
Pforzheim zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreiche Beteiligung drei Dinge braucht:
1. Mut zur frühen Öffnung
Wer früh einbindet, gewinnt Vertrauen – auch wenn noch nicht alles feststeht.
2. Methodenmix statt Einheitslösung
Online, analog, aufsuchend: Menschen sind verschieden, Zugänge müssen es auch sein.
3. Echte Verbindlichkeit
Ideen wandern nicht in die Schublade, sondern sichtbar in die Planung.
Deshalb lobt die Jury, dass „der künftige Park nicht von oben entsteht, sondern gemeinsam mit den Menschen vor Ort“.
Fazit: Ein Park, der mehr verändert als seine Fläche
Der neue Oststadtpark wird 2026 fertig. Doch das Entscheidende ist schon jetzt entstanden: eine Form der Bürgerbeteiligung, die das Quartier stärkt, Strukturen bildet und Menschen ermutigt, ihre Stadt aktiv mitzugestalten.
Pforzheim zeigt: Wenn Beteiligung ernst gemeint ist, bewegt sie nicht nur Projekte – sondern ganze Nachbarschaften.
